Leseprobe

VORWORT

Rasante Veränderung ist eines der Zeichen der heutigen Zeit. Es sind die Städte und Gemeinden die oftmals diese Veränderungen als Erste spüren, auf der lokalen und regionalen Ebene entstehen Ideen, Konzepte und Lösungen. Der Titel „Abenteuer Kommune“ macht den Umbruch deutlich, in denen sich die Städte und Gemeinden befinden. Globalisierung und neue Technologien vergrößern den Blickwinkel und den Handlungsraum der Menschen und Unternehmen. Mitten drin befinden sich die Kommunen. Sie sind auf der einen Seite Garant für Stabilität, auf der anderen Seite müssen sie Dynamik ermöglichen um Strukturen und Aufgaben an notwendige Veränderungen anzupassen.

Veränderung verlangt nach Diskurs. Dieser Sammelband umfasst Reden, Aufsätze und Berichte, die ich im Jahr 2012 gehalten und geschriebenen habe. Damit möchte ich Anstöße zur Auseinandersetzung geben. Es gibt nicht nur einen Königsweg. Alternativen sind gewünscht. Wie ein roter Faden ziehen sich die Themen Informations- und Kommunikationstechnologie, Internet, soziale Netzwerke und Bürgerbeteiligung durch dieses Buch. Information und Kommunikation sind zwei wesentliche Bausteine für Veränderung.

Jeder Beitrag bzw. Kapital kann für sich genommen gelesen werden. Naturgemäß treten in einigen Texten Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen auf, die der Lesbarkeit des einzelnen Beitrages geschuldet sind.

BÜRGERGESELLSCHAFT SICHERT FREIHEIT

Die Welt wird smart

Alles ist im Wandel. Das gilt auch für die Städte und Gemeinden und besonders für deren Infrastrukturen. Aber in welche Richtung geht der Wandel? Was verändert sich? Wie wollen wir morgen leben? Welche Rolle und Aufgaben haben die Städte und Gemeinden?

Ein Blick zurück: Am Morgen des 13. Mai 1956 stieg ich als Sechsjähriger mit meiner Familie in Brilon in Westfalen in einen D-Zug um die Pfingstferien bei Verwandten in Darmstadt zu verbringen. Es war meine erste große Zugfahrt. Am Bahnhof stand ein Ungetüm einer Dampflok. Im Augenblick des Einstiegs in den Waggon – damals gab es noch drei Klassen – ließ die Lok Dampf ab. Es machte mir große Angst durch den Dampf zu gehen – daran kann ich mich heute noch erinnern. Die Lokomotive und die Waggons waren aus Stahl und Eisen, viele Tonnen schwer. Neben dem Lokführer gab es einen Heizer, der den Ofen befeuerte. An verschiedenen Stationen musste Wasser aufgenommen werden. All das war Schwerstarbeit. Unmengen an Materie mussten bewegt werden. Heute fahre ich mit dem ICE in Leichtbauweise. Vieles ist längst aus Kunststoff, der Fahrerstand sieht aus wie ein Pilotencockpit im Flugzeug. Es ist kein Heizer mehr zu sehen. Der Zug wird mit dem Joystick vom Sitz aus gefahren. Alles ist smart geworden, geschmeidiger und sicherer. Funktionen greifen ineinander – Reservierungen werden vom Kunden mit dem Smartphone getätigt und erscheinen auf dem Display über dem Sitz. Früher musste ein Bahnmitarbeiter Papierschnipsel mit den Angaben der Reservierungen über den Sitz anbringen. Zwei Tage vor Fahrtantritt waren Reservierungen nicht mehr möglich. Die Lochzange des Fahrkarten-Kontrolleurs hat heute fast ausgedient, längst wird mit einem Infrarotstrahl der Barcode der Fahrkarte ausgelesen.

Anders ausgedrückt: Es hat eine weitgehende Dematerialisierung stattgefunden. Ressourcen werden geschont – der Komfort ist um ein Vielfaches gestiegen.

Was ich mit diesem Beispiel verdeutlichen will: Mithilfe moderner IKT und vor allem mit dem ganzheitlichen Ansatz der Smart City wird es uns zukünftig gelingen Prozesse des täglichen Lebens so ressourcenschonend wie möglich zu organisieren. Ressourcen sind in diesem Zusammenhang Rohstoffe wie Erdöl, Erze, Wasser und Energie, aber auch Ressourcen im weiteren Sinne wie Zeit, Personal, Mobilität, Stress und natürlich unsere natürliche Umwelt bzw. deren Verschmutzung.

Nehmen wir den Bereich Mobilität und Verkehrsregelung mithilfe moderner Technologie und Smart Cities. Laut einer Studie des Stauforschers Frank Schmid steht jeder Deutsche im Schnitt 60 Stunden pro Jahr im Stau. 13 Millionen Stunden vergeudete Zeit und 250 Millionen Euro an volkswirtschaftlichen Schäden – das ist die tägliche Staubilanz allein in Deutschland. Manche Studien schätzen den monetären Schaden für die Bundesrepublik um ein vielfaches höher. Durch Staus auf den Autobahnen vergeuden die deutschen Autofahrer pro Jahr außerdem 288 Millionen Liter Benzin. Die Umwelt werde dadurch mit 714 000 Tonnen CO2 zusätzlich belastet. Das wären gut sieben Prozent des gesamten durch Pkw verursachten CO2-Ausstoßes. Beachtet man bei zukünftigen Verkehrs- und Stadtplanungen die drei Schritte der modernen Verkehrspolitik Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlagerung und Verkehrssteuerung, so kann IKT in allen drei dieser Bereiche einen Beitrag leisten: Durch Tele-Konferenzen, ein intelligent und nachfrageorientierter ÖPNV und Fernverkehr, durch Echtzeit-Verkehrsüberwachung ,-analyse und -auswertung, flexibler Ampelschaltung, Verkehrsumleitungen und andere Mitteln, welche den Verkehr intelligent steuern können.

Nicht nur fossile Brennstoffe und CO2 können durch die intelligente Vernetzung der Big Data mithilfe von Cloud Computing eingespart werden. Auch das Smartphone hilft Ressourcen zu sparen. Wie lange dauert es an einem normalen Arbeitstag zu realisieren, dass das Portemonnaie zuhause vergessen wurde? Das kann schon etwas dauern, vielleicht bis zum Mittagessen beim Italiener. Und wie lange dauert es beim Smartphone? Bis zwei Meter hinter die Haustür? Viele von uns fühlen sich mittlerweile nackt ohne Smartphone. Irgendetwas fehlt. Wir checken Emails, kommunizieren, machen Fotos, informieren uns im Internet, schreiben Texte. Und das alles ohne Tinte und Papier. Sicherlich kann man darüber streiten, ob ein Smartphone ressourcenschonend ist, vor allem in der Herstellung. Doch es ist ein Fakt, dass das Smartphone ein wichtiger Baustein in der Dematerialisierung unseres Lebens ist.

Wir verstehen es mittlerweile, und daran sind der Mentalitätswandel und das Bewusstsein für die Konsequenzen unseres Handelns verantwortlich, neue technologische Entwicklungen und Möglichkeiten immer auch aus der Umwelt-Perspektive zu betrachten und zu formen. Die Gesellschaft determiniert also auch die Technik und nicht ausschließlich umgekehrt – es ist ein Wechselspiel. Wir müssen zukünftig diese Perspektive beibehalten, denn nur dann wird Technologie einen immer wichtigeren Beitrag für den Schutz unserer Umwelt leisten können.

(Beitrages für die Rubrik Utopia des CHANC/GE Magazins; Oktober 2012)

Web 2.0 stärkt die Bürgergesellschaft

In Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung sind durch die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien erhebliche Veränderungsdynamiken in Kraft gesetzt worden. Geschäftliche, soziale und gesellschaftliche Aktivitäten verlagern sich in das Internet – einem zunehmend eigenständigen Lebens- und Wirtschaftsraum, in dem die Grenzen zwischen Online- und Offline-Welt immer mehr verschwimmen.

Diese Entwicklung fordert die öffentliche Verwaltung heraus, bietet ihr andererseits aber auch eine große Chance. Bund, Länder und Kommunen haben daher bereits damit begonnen, sich zu vernetzen. Verwaltungsprozesse werden zunehmend digitalisiert und neue Formen der Bürgerbeteiligung werden ermöglicht. Durch das Web 2.0 hat sich die Nutzung und Wahrnehmung des Internets weitgehend verändert. War das Web 1.0 noch ein eindimensionaler Informationskanal, so wird heute vom Mit-Mach-Internet, d.h. einem mehrdimensionalem Kommunikations- und Interaktionsmedium gesprochen. Der Nutzer wird zum eigenständigen Akteur, indem er über Blogs, Wikis, Twitter, Facebook usw. einfach und preiswert seine Botschaften um den Globus sendet. Aufgrund verstärkter Kollaborationen und Kooperationen verändern sich die traditionellen hierarchischen Strukturen. Dadurch wird nicht nur Wissen ausgetauscht, sondern es kann gleichzeitig neues Wissen generiert werden.

Bürgerbeteiligung 2.0

Der Bürger möchte nicht mehr einfach nur seine Meinung kundgeben, sondern an den politischen Entscheidungen beteiligt werden. Im Web 2.0 liegen deshalb erhebliche demokratische und partizipatorische Potenziale. Der Bürger kann mit Politik und Verwaltung schnell und einfach kommunizieren und auf Probleme hinweisen bzw. Anregungen geben. Fehentwicklungen können so schon im Ansatz aufgedeckt und geklärt werden. Der Bürger wird zum gleichberechtigten Partner – zum Co-Produzenten von Verwaltung und erhält dabei ein enormes Gestaltungspotenzial. In Web 2.0-Gemeinschaften können Projekte unkompliziert initiiert, organisiert und implementiert werden. Die Vernetzung findet sowohl lokal, national, als auch global statt und führt kreative Köpfe zur Problemlösung zusammen.

In diesem Zusammenhang ist die Einführung so genannter Bürgerhaushalte exemplarisch zu nennen. Vor dem Hintergrund knapper werdender kommunaler Kassen erhalten die Bürger über eine Onlinediskussionsplattform die Möglichkeit, ihre Wünsche, Vorschläge aber auch Vorbehalte im Dialog mit der Verwaltung im Rahmen der vorhandenen Ressourcen bedarfsorientiert abzustimmen. Die Bürger können hierbei kooperative Vorschläge entwickeln, bewerten und auch hierarchisieren. In den Städten Köln, Freiburg, Hamburg und Potsdam wird das bereits erfolgreich praktiziert. Insgesamt mehr als 120 Kommunen befassen sich inzwischen mit Bürgerhaushalten.

Neben der Öffentlichkeitsarbeit sind Web 2.0-Präsenzen eine gute Möglichkeit, den Bürger besser in die Arbeitsabläufe der Kommune einzubinden. Auf diese Weise können Kenntnisse aus der Sicht des Bürgers auf die Verwaltung gewonnen werden. In der Praxis zeigt sich, dass der Bürger durchaus bereit ist, die Kommune in dieser Form zu unterstützen. Wenn Problemerkennung und –lösung dann noch zeitnah geschehen, steigt die Zufriedenheit der Bürger deutlich. Transparenz schafft auf diesem Weg Akzeptanz. Neue Wege gehen hier Kommunen in den USA. Dort gibt es auf den i-Phone eGov-Apps, die es den Bürgern ermöglichen, z.B. Schlaglöcher oder Graffiti zu fotografieren, automatisiert mit den GPS-Koordinaten zu versehen und direkt der zuständigen Behörde zuzusenden. Immer mehr Apps werden von Bürgern selbst entwickelt, angeboten und ergänzen somit Serviceleistungen der Verwaltung. So ist Wheel-Map eine Anwendung von Bürgern für Bürger, die auf einer digitalen Karte behindertenfreundliche Zugänge zu Einrichtungen wie ÖPNV, Schulen oder Apotheken übermittelt. Die Informationen werden von den Bürgern selbst eingetragen.

Die Rolle von Web 2.0 in der Generation 2.0

Die deutschen Kommunen beginnen allerdings erst zaghaft die Möglichkeiten des Web 2.0 zu nutzen. Erschwert wird dies durch den Umgang der Politik mit den „Digital Natives“, die erste Generation, die mit dem Internet aufwächst. Sie nehmen die moderne Technik als Tool zum Wandel und zur Veränderung wahr. Aktivisten im Netz werden von der Politik oder den Parteien oftmals unzureichend beachtet. Dabei handelt es sich gerade bei ihnen um Wählerinnen und Wähler mit großem Engagement. Nach dem neuesten (N)onliner-Atlas 2011 sind fast 75 % der Deutschen online. In der Gruppe der 14-29-Jährigen sind bereits 97,3 % regelmäßig im Internet. Die Nutzung nimmt jedoch auch in allen anderen Altersklassen zu.

Online-Plattformen wie Facebook, Twitter, Blogs, Wikis usw. verleihen dem Einzelnen ungeahnte Möglichkeiten zum Publizieren, Präsentieren, und Senden von Informationen. An der Politik und der öffentlichen Verwaltung rauscht diese wandlungsfähige neue Welt aber noch weitestgehend vorbei. Um dies zu verhindern muss u. a. die Medienkompetenz der Mitarbeiter in den Behörden verbessert werden. Aber insbesondere auch junge Mitarbeiter können diese Entwicklungen noch stärker mit vorantreiben. „Digital natives“ senden und empfangen Nachrichten in Echtzeit und sind bereit, ihre Informationen mit einem großen Zuhörerkreis zu teilen. Dabei sind sie experimentierfreudiger, begeisterungsfähiger und interaktiver. Eine Entwicklung, die für die Verwaltung von Morgen wegweisend sein muss.

Web 2.0 und die Verwaltung

Der Staat und die Kommunen sind auf diese Entwicklung bislang nur unzureichend vorbereitet. Die meisten Behörden leben noch immer in der Government 1.0-Welt. Sie stellen Informationen bereit, reduzieren durch die digitale Organisation Kosten und steigern ihre Effizienz. Insgesamt konzentrieren sie sich aber noch viel zu sehr auf die Digitalisierung bestehender Strukturen, Aufgaben und Abläufe. Der wesentliche Web 2.0-Aspekt der Interaktion wird in den seltensten Fällen berücksichtigt. Der Übergang von der Informations- zur Dialog-plattform ist noch nicht gelungen. Dabei können die eigentlichen großen Herausforderungen wie Klimaschutz, bessere Bildung, neue Arbeitsplätze und die Haushaltskonsolidierung zumeist nicht mit den bisherigen Instrumenten bewältigt werden. Für eine Einbindung aller bzw. die Nutzung der sog. Schwarmintelligenz bietet die neue Generation des Internets alle Möglichkeiten. Web 2.0 ist jedoch in den deutschen Verwaltungen bislang nur in Grundzügen zu beobachten. 4,4 Millionen Menschen arbeiten hier weitgehend in geschlossenen Silostrukturen, wobei sich die Kommunikation i.d.R. auf prozessuale Zusammenarbeit im Verwaltungsverfahren beschränkt. Ganzheitliche Problemlösungsverfahren über Verwaltungsgrenzen hinweg sind eher die Ausnahme.

 

Der Weg in eine aktive Bürgergesellschaft setzt voraus, dass Politik und Verwaltung – wenn sie ihren Aufgaben gerecht werden wollen – dorthin gehen müssen, wo sich die Menschen befinden. Selbstverständlich können Soziale Netzwerke keinen Verwaltungsakt bzw. formelle Verwaltungsverfahren ersetzen. Dennoch eröffnen sie neue Kanäle zur Kommunikation und legen damit die Basis für eine frühzeitige Einbindung der Bürger. Die Social-Media-Nutzung darf jedoch nicht einem alternativen Newsletterkanal gleichkommen. Kommunen müssen in diesem Kontext – unter Einbezug der Mitarbeiter – eine klare Strategie formulieren und im-plementieren, die u.a. den Nutzen, die Zielsetzungen und Zielgruppen sowie die Verantwortlichkeit der Betreuung beinhalten sollte. Parallel hierzu eignen sich der Einsatz sog. Social-Media-Guidelines sowie die Einrichtung einer koordinierenden Kompetenzstelle. Die Freie und Hansestadt Hamburg hat in diesem Zusammenhang einen umfangreichen Katalog zur Nutzung sozialer Netzwerke herausgebracht. In einzelnen Handlungsbereichen (Kinder- und Jugendpolitik, Stadtentwicklung) bieten sich für interessierte Kommunen auch Möglichkeiten, erste Erfahrungen zunächst durch Projektseiten zu sammeln.

Impressionen aus der Facebook-Welt

Die ersten Rathäuser der deutschen Städte beginnen sich auf Facebook zu vernetzen. Frankfurt/Main – die fünftgrößte Stadt in Deutschland – hat mittlerweile 138.000 Fans. Die Präsenz in den Netzwerken bietet aus Sicht des Presse- und Informationsamtes der Stadt vielfältige und beschleunigte Möglichkeiten für die User und die Stadt (z.B. auch im Krisenfall). Es werden deshalb nicht nur Nachrichten über Ausstellungen, Straßenfeste und Ratsentscheidungen veröffentlicht, sondern auch Meinungen und Stimmungen der User abgefragt, um so den „Puls der Stadt“ zu fühlen. Andere Großstädte haben ihre Facebook-Präsenz als sog. Stadtportal organisiert, welches dann vorzugsweise von Dritten gepflegt wird. Das privat betriebene Münchener Stadtportal hat z.B. bereits 289.817 Fans, während die offizielle Präsenz der Stadt als Regierungsinstitution bisher lediglich 721 Fans besitzt (Stand 08.08.2011).

Dass Facebook-Freunde gut für das Image der Verwaltung sein können, wird auch andernorts wahrgenommen. Kassel geht z.B. sehr offensiv mit der Social-Media-Bewegung um. Die Strategie der Stadt erscheint relativ einfach und kostengünstig. Der Link zu Facebook ist relativ zentral auf der städtischen Homepage platziert. Die Beiträge von dort werden auf der Pinnwand verlinkt, sodass die Netzgemeinde sie kommentieren kann. Gleichzeitig beantwortet die Internet-Redaktion, welche aus drei Mitarbeitern besteht und die sich neben Facebook auch um den Twitter- und den YouTube-Kanal kümmern, Fragen und Anregungen der User.

Der Festspielt- und Kurort Bad Hersfeld sowie die Stadt Weiterstadt haben ebenfalls einen Link zu Facebook auf ihre städtischen Webseiten gestellt. Die ca. 500 bzw. 280 Fans erhalten über das soziale Netzwerk neben den Pressemitteilungen auch Hinweise zu aktuellen veranstaltungsangeboten sowie Aufrufe z.B. zu Chat-Terminen mit dem Bürgermeister oder zu Ratssitzungen.

Beispielhaft ist der Facebook-Auftritt der Stadt Moers im Rheinland (ca. 107.000 Einwohner). Die strategischen Ziele des Engagements sind u.a. die Erhöhung der Reichweite und die Erweiterung des Nachrichtenspektrums gegenüber den klassischen Nachrichtenkanälen. Damit verbunden waren die Erschließung jüngerer Ziel-gruppen und eine Etablierung einer Kommunikation auf Augenhöhe. Mithilfe einer individuellen und plattformgerechten Betreuung sollte der Einstieg in das Web 2.0 vollzogen und keine Retorte des Newsletters geschaffen werden. Exklusive Meldungen, Bilder und Videos abseits des Verwaltungshandelns sowie eine persönliche Ansprache und Interaktion sind Kernelemente der Moerser Strategie. Parallel hierzu sollen kommunale E-Government-Aktivitäten durch entsprechende Tätigkeiten der E-Partizipation gesteigert werden. Dies gelingt allein schon durch die gesteigerten Zugriffszahlen auf die städtische Homepage aufgrund der unzähligen Links. Außerdem können städtische Diskussionen zentral auf dem eigenen Portal stattfinden- -was jedoch einen verantwortungsvollen Umgang mit den Kommentaren voraussetzt. Insgesamt besteht ein enormes Potenzial zur Erweiterung des Meinungsbildungsprozesses und zur Sensibilisierung für die E-Bewerbung (z.B. Bürgerhaushalt, Petitionen). 2161 Fans hat die Stadt Moers mittlerweile bei Facebook (Stand 08.08.2011). Die drei Redakteure aus der Stadtverwaltung (2 Pressestelle, 1 zentrale Dienste) betreuen die Seite nahezu mehrmals täglich (außer dem Wochenende). Besonders auffällig ist dabei die große Interaktion Usern und den städtischen Verantwortlichen. Gepostet bzw. verlinkt werden u.a. allgemeine Veranstaltungen (Flyer, Fotos, Videos), allgemeine Pressemeldungen sowie Benachrichtigungen der Stadtverwaltung oder Stellungnahmen zu städtischen Diskussionsthemen. Weiterhin werden kurzfristige Meldungen veröffentlicht, wie z.B. am 28.06.2011 eine Erdbebenwarnung für die Region, die 21 Usern gefallen und zu 44 Kommentaren veranlasst hat (30 davon sogar innerhalb von 30 Minuten). Zudem finden regelmäßig kleine Wettbewerbe auf der Facebook-Seite z.B. um Verkaufsstände auf dem örtlichen Trödelmarkt bzw. Rätsel zur Verlosung von Freikarten für anstehende Veranstaltungen statt. Schließlich wird den Facebook-Freunden Raum für Anregungen bzw. Kritik, z.B. beim Relaunch der Moerser Homepage und auch anderen Themen, gegeben. Die Web 2.0-Kanäle der Stadt auf Facebook, Twitter und YouTube wurden aufgrund des Wiedererkennungswertes an das neue Corporate Design der städtischen Website angepasst. Außerdem finden sich auf der Facebook-Präsenz sämtliche Kontaktmöglichkeiten sowie links der Stadt Moers im WWW. Im Pinnwandeintrag vom 29.06.2011 wird der verantwortliche Webmaster Claus Arndt folgendermaßen zitiert: „Die Zahlen belegen, dass unsere Aktivitäten auf Facebook und Co. gut von den Bürgerinnen und Bürgern angenommen werden. Das freut uns sehr und ist gleichzeitig Ansporn für die Zukunft“. Das Engagement der Stadt hat Vorbildcharakter.

Die Dynamik dieser neuen digitalen Partizipationskultur veranlasste die Stadt Pforzheim neben dem eigenen Facebook-Account auch ihren innerstädtischen Masterplan-Prozess („Pforzheim Zukunft Gestalten“) separat auf Facebook anzumelden. Hierbei soll die Leitlinie für die Stadtentwicklung in den kommenden 15-20 Jahren über den Konsens zwischen Bürgerschaft, Politik und Verwaltung geschaffen werden. Der Prozess ist auf zwei Jahre angelegt und beinhaltet eine groß angelegte Bürgerbeteiligung, deren Schwerpunkte über das Jahr 2011 verteilt liegen. Der seit November 2012 registrierte Facebook-Account (130 Likes; Stand 08.08.2011) gibt Hinweise auf die anstehenden Veranstaltungen, Impressionen bereits abgehaltener Veranstaltungen sowie mehrere Verlinkungen u.a. zum umfangreichen Projektbereich auf der Stadthomepage, zur Kolumne des OB und zum YouTube-Channel der Stadt (Veranstaltungsvideos, Podcast des OB)

Ein Facebook der Dinge

Facebook verbindet Menschen untereinander. In den Startlöchern steht ein Facebook der Dinge. Mit „Evrythng“ entsteht gerade ein Netzwerk, in dem sich Sensoren melden, wenn z.B. Straßenlampen eingeschaltet sind oder Türen offen stehen. Auf Plattformen werden sich künftig Gegenstände in Echtzeit untereinander austauschen oder zeigen, in welcher Form sie aktiv geworden sind. Daten und Dienste werden sich einfacher miteinander verknüpfen lassen. Das wird große Auswirkungen auf die Städte und Gemeinden haben. Ihre Infrastruktur, angefangen bei den 176.00 Gebäuden bis zu 460.000 km Straßen, Tausenden von Brücken sowie Leitungssystemen der Ver- und Entsorgung werden nach und nach in den nächsten Jahrzehnten intelligent gemacht. Damit verbunden sind neue Möglichkeiten der Planung und Steuerung insbesondere in den Bereichen Mobilität, Energie und Bildung.

Kooperation auf Augenhöhe

Die mit dem Begriff 2.0 assoziierten Möglichkeiten der Kooperation und Vernetzung sind entscheidende Voraussetzungen dafür, dass der Wähler künftig nicht nur als Wähler oder Dienstleistungsempfänger agiert, sondern auch als Rat- und Ideengeber eine zentrale Position einnehmen kann. Die digitale Revolution gibt ihm die Möglichkeit, auf einfachstem Weg gestalterisch tätig zu werden. Die Herausforderungen, vor denen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft stehen, verlangen nach mehr Zusammenarbeit. Durch das Internet können die einzelnen Akteure kooperativ sowie im Rahmen effizienterer Strukturen an Lösungskonzepten arbeiten. Die technischen Möglichkeiten für eine Verwaltung 2.0 sind bereits gegeben und sollten als solche auch genutzt bzw. auch weiterentwickelt werden. Es ist an der Zeit, die Kommune 2.0 zu etablieren.

(Artikel aus „Hessische Städte- und Gemeindezeitung“; Januar 2012)

 

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